Heidelegenden

Der Teufelskrater

Der Teufelskrater Mitten in der Dübener Heide, in der Nähe vom Friedrichsee lebte einst ein junger, armer Köhler, der gerade seine Eltern verloren hatte. Er war hilfsbereit, offen und bei seinen Nachbarn gut angesehen. Obwohl er ein fleißiger und ehrlicher Mann war, war doch die Armut sein stetiger Begleiter. Das lag auch daran, dass die Heide für die Menschen, die in ihr lebten, nicht viel hergab und dass er im Handel mit seiner Ware recht ungeübt war. In dieser Zeit trieb auch der Teufel mal wieder sein Unwesen in dieser Gegend. Da er immer auf der Jagd nach Seelen war, wollte er sich die Armut unseres Köhlers zu Nutze machen, um sich auch dessen Seele zu ergaunern. Eines Tages näherte er sich ihm in Gestalt eines reichen Händlers und sprach zu ihm:"Köhler, Du schuftest hier in der Heide und bringst es doch zu nichts. Deine Eltern sind tot, was hält Dich noch hier? Ich mache Dir ein Angebot. Du kannst auf meine Kosten die Welt bereisen, die Weltmeere, die höchsten Berge, die größten Wälder und berühmtesten Städte sehen. Du kannst von den Menschen lernen zu handeln und großen Reichtum erwerben." Der Köhler sah sich den gutgekleideten Mann an und dachte bei sich, was er schon verlieren könne. Er fragte den Händler, was er dafür tun müsse. Der antwortete:" Eine Kleinigkeit. Du mußt mir nur drei Deiner Eigenschaften überlassen, Mitleid, Güte und Herzlichkeit. Wir treffen uns in 5 Jahren wieder hier. Wenn alles so bleiben soll, behalte ich Deine drei Eigenschaften und für ein Leben in Saus und Braus überschreibst Du mir auch für die kommenden Generationen, die auf diesem Stück Land leben, diese Eigenschaften. Wenn Du Zweifel hast, mußt du mir eine Frage so beantworten, wie es jeder armselige Mensch tun würde. Der Vertrag ist nur aufgehoben, wenn Du das schaffst. Danach bist Du jedoch wieder der arme Köhler mit den Eigenschaften, die zu nichts führen. Dem Köhler kam dieses Angebot nun doch etwas seltsam vor und er ahnte, was für einen Gesellen er vor sich hatte. Angesichts seiner Lage sagte er sich jedoch, so schlimm wird es wohl nicht werden und kommt Zeit, kommt auch Rat und willigte ein. Er reiste in die Welt, sah die schönen Dinge, aber auch viel Armut und Elend. Doch das Letzte dauerte ihn nicht. Er erlernte den Handel und ohne Rücksicht auf Andere war er nur auf seinen Vorteil bedacht. Ihm fehlten Mitleid, Güte und Herzlichkeit. Das bescherte ihm schnell Reichtum, ungeachtet des Leides, das er verursachte. Trotzdem dachte er immer öfter an seine Heimat, die Dübener Heide. An ihre Schönheit, an ihr Flair, an seine Kindheit, seine Freunde, an seine verstorbenen Eltern. Der Teufel hatte ihm nicht seine Erinnerung und seinen Verstand genommen. Als die fünf Jahre bis auf einen Tag um waren und der Köhler in seiner Heimat angekommen war, wünschte er sich nichts sehnlicher, als wie früher in der Heide mit seinen Freunden und in der schönen Natur zu leben. Er dachte angstvoll an die Frage des Teufels und daran, dass er seine Seele nun endgültig verlieren würde. Über seine Not und Angst schlief er ein. Im Traum erschien ihm plötzlich eine wundersame blaue Lichtgestalt, die nur eine Fee sein konnte. Sie sprach: " Köhler, ich kenne deine Geschichte und werde Dir helfen um der vielen Seelen willen, die nach Dir kommen und die der Teufel erhält, wenn Du versagst. Dir zugute halte ich, dass Du deine Heimat und deine Freunde nicht vergessen hast. Der Teufel hat dir zum Glück den Verstand gelassen. Höre bei seiner Frage auf keinen Fall auf dein Herz, denn das ist hart geworden. Sage genau das Gegenteil von dem, was Dir dein Gefühl eingibt." Am nächsten Morgen ließ der Teufel auch nicht lange auf sich warten. Er frohlockte und konnte seinen Sieg kaum erwarten, denn er war sicher, zu gewinnen. Er brauchte seine Frage nur auf den drei Eigenschschaften aufbauen, die er ja vom Köhler noch hatte, so das es diesem gar nicht möglich war, menschliche und richtige Antworten zu geben. "Also dann", sprach der Teufel, angenommen, Du findest einen Schatz und neben Dir verhungert eine Familie, was würdest Du tun?". Der Köhler dachte sofort, das ihm die Familie ja nichts angehe. Dann besann er sich jedoch auf die Fee in seinem Traum und sprach: "Ich würde meinen Schatz mit der Familie teilen, so hat jeder genug und ich gewinne neue Freunde." Als der Teufel das hörte, brüllte er fürchterlich auf und schlug wutentbrannt mit seiner Faust einen tiefen Krater in den Boden, durch den er in die Erde fuhr. Am Grunde dieser Stelle glimmt bisweilen heute noch nächtens ein kleines Holzkohlenfeuer. Der Köhler, nun wieder im Besitz aller menschlichen Eigenschaften, war mit einem Schlag ein armer Mann. Das währte jedoch nicht lange, denn er hatte ja auch das Handeln erlernt. Mit ehrlicher Arbeit und ehrlichem Handel brachte er es im laufe der Zeit zu Wohlstand und Glück, von dem auch die nach ihm kommenden Generationen profitierten. Der Teufel ward in dieser Gegend um den Friedrichsee seither nicht mehr gesehen, wohl auch, weil er nicht gegen die mächtige Fee und das Gute im Menschen ankommt.

 

Verfasser: Werner Wilhelm Bauske 

Friedrichseelegende

  • Friedrichsee

Einst in ferner Vergangenheit, als der Herrgott die Dübener Heide erschuf und es noch keine Menschen gab, dachte er auch darüber nach, wie und durch wen er diesen herrlichen Fleck Erde schützen könnte. Was lag da näher, als ein Wesen dazu zu tun, durch dessen Auge er jederzeit sein Werk betrachten konnte, das mit seinem einen Ende fest mit der Mutter Erde und  ihrem fruchtbaren Schoß verbunden war und mit dem anderen Ende bis in das unendliche Geheimnis des Weltalls reichte. Ein Wesen, mit der Macht ausgestattet, das Gute zu fördern und das Böse zu bestrafen. Olmo war geboren.

Seit dieser fernen Zeit tut dieses fantastische Wesen seinen Dienst in der Dübener Heide, mal an diesem Ort, mal an jenem Ort. Dann kamen die Menschen.

Sie brachten Licht und Schatten über dieses Stückchen Land. Jahrhunderte vergingen. Sie sahen friedliche Nutzung der Natur, aufblühendes Handwerk mit schmieden ,töpfern, spinnen, korbmachen und glasblasen. Sie sahen entstehende Kirchen und Dörfer. Aber sie sahen auch Krieg, Brand und Verwüstung. In all dieser Zeit entging dem wachsamen Auge Olmo’s nichts. Um die Menschen der Heide nicht zu verschrecken, zeigte er sich ihnen in so manch angenehmer Gestalt.

So wird berichtet, dass ein armer, rechtschaffener Heidebauer, der eine Familie mit elf Töchtern zu versorgen hatte, Anfang des 19. Jahrhunderts an einem Heiligabend noch zu später Stunde aus Richtung Bad Schmiedeberg nach Gniest unterwegs war. Es war bitter kalt und ihm war schon recht gruselig in der Dunkelheit. Er dachte an seine Familie und daran, dass er auch dieses Jahr zu Weihnachten  kein Geld für Geschenke übrig hatte. Er sah die traurigen Gesichter seiner Lieben vor sich und wünschte, doch einmal im Leben Glück zu haben, um ihnen eine Freude machen zu können. Dafür würde er wohl alles tun. Den Gedanken kaum zu Ende gedacht und gerade an der Grenze seines kleinen Wäldchens angekommen, sah er plötzlich zwischen den Bäumen eine blaue Lichtgestalt, die sich ihm näherte. Es war ein anmutiges Wesen mit wallendem Umhang, einem goldenen Stern auf der Stirn und einem ebensolchen Stab. Der Bauer dachte im ersten Augenblick, er sei durch Kälte und Angst seinem Ende nahe und sehe etwas, was nicht da war. Doch das feenhafte Wesen sprach ihn mit lieblicher Stimme an:

„ Bauer, ich weiß, dass Du arm und rechtschaffend bist, dass Du trotz Deines Fleißes Sorgen um das täglich Brot Deiner Familie hast. Du bist mit Deiner Armut nicht allein. Die Heide hat in all den vergangenen Jahrhunderten viele solcher Menschen wie Dich geboren, hinein in Schönheit und Kargheit dieses Landes. Es wird an der Zeit, dass sich die wahren Schätze dieser Gegend offenbaren. Die Bewohner sollen sie fortan durch sich selbst erkennen können. Sie sollen sich alle 5 Jahre zum Heidefest eine Prinzessin erwählen, die nicht reich und von edler Geburt ist, sondern die all die Tugenden der Menschen in der Dübener Heide in sich vereint, die ihnen vor Augen führt, was sie wahrhaft stark macht. Dich habe ich auserwählt, weil Du elf Töchter hast, die alle diese Tugenden besitzen. Nun sage ich Dir, die erste Prinzessin im nächsten Jahr wird Deine älteste Tochter Friederike sein und so wird es weitergehen. Hier nimm dieses Wappen für die Prinzessin, es soll sie als Zeichen dieses Landes begleiten. So lang Du lebst, wirst Du dafür sorgen, das dieser Brauch nicht in Vergessenheit gerät, denn tut er das, sind auch unsere Schätze in Gefahr. Zur Belohnung zeige ich Dir, was auch unter Deinem Wäldchen verborgen ist. Hebe dieses Stück schwarze Erde auf und wirf es in Deinen Ofen.“ Sagte es und war plötzlich verschwunden.

Als der Bauer zu Hause ankam und in die Augen seiner Frau und seiner Kinder blickte, dachte er bei sich, wie reich er doch wäre. Er warf das Stück „Erde“ in den Ofen und siehe da, den ganzen heilig Abend war eine wohlige Wärme in der Stube. Der Bauer erfüllte sein Versprechen, lebte mit diesem Segen viele glückliche Jahre unter den Menschen der Dübener Heide, ward geachtet, auch wegen seiner heilbringenden Töchter und fror nie in seinem Leben wieder.

Werner Wilhelm Bauske

Totenseelegende

Mitten im Herzen der Dübener Heide direkt neben dem Friedrichsee liegt der Totensee. Er liegt wie ein Achat inmitten eines wild bewachsenen Walles. Kein Wellengekräusel unterbricht die spiegelglatte Oberfläche. Die unheimliche Ruhe in seiner Nähe lässt  den Gedanken an ein fast vergessenes Geheimnis aufkommen. Die Dübener Heide war nie ein Gebiet, in dem das Gold auf den Bäumen wuchs. Die Menschen mussten für ihren Lebensunterhalt hart arbeiten. Trotzdem verloren sie nie Hoffnung und Lebensmut, weil sie sich untereinander halfen und auch gemeinsam ihre wenigen Feste im Jahr ausrichteten. Sie glaubten an das Gute im Menschen und an eine Macht, die sie beschützt.

Nun trug es sich vor langer Zeit zu, dass sich in der Gegend ein Holländer ansiedelte. Dieser war ein habgieriger Mann, der danach trachtete, seinen Besitz ständig zu vermehren. Sein Herz war aus Stein, er hatte kein Erbarmen mit seinen Schuldnern, die meist arme Bauern waren und für die ihr Stückchen Erde Leben und Hoffnung war. Hoffnung auch, dass es ihren meist zahlreichen Kindern einmal besser gehen würde. Die Zwietracht, die der Holländer säte, führte dazu, dass das Leben der Bauern nie mehr so wie vorher war.

Ein besonders armer Bauer, der 11 Kinder hatte und beim Holländer hoch verschuldet war, bekam eines Tages von dessen Advokaten die Nachricht, dass er Haus und Hof innerhalb von 3 Tagen zu verlassen hätte. Er wusste keinen Ausweg mehr. Mit Tränen in den Augen verabschiedete er sich von seinen Lieben und versprach ihnen, in 2 Tagen mit Geld wieder da zu sein, um seine Schulden zu bezahlen. Wenn er es nicht schaffen würde, sollten sie zu seinem Bruder in den Fläming ziehen. Insgeheim wusste der Bauer um sein aussichtsloses Unterfangen und hegte bereits die Absicht, sich in der Friedrichsgrube zu ertränken. Doch ein Funken Hoffnung ließ ihn den Plan nicht sogleich ausführen. Als er in der Nacht des zweiten Tages endlich seinen Entschluss umsetzen wollte, sah er plötzlich am Ufer der Friedrichsgrube eine lichtblaue Gestalt. Ihn konnte in seiner Verzweiflung jedoch nichts mehr erschrecken. Er näherte sich der Gestalt so weit, bis sie ihn plötzlich ansprach:

„ Bauer, ich kenne Dein Schicksal und weiß auch was du jetzt tun willst. Glaube mir, nichts im Leben rechtfertigt einen Freitod. Du beendest egoistisch dein Leben und tust damit der Liebe deiner ganzen Familie weh. Alles Gute, das du in die Herzen deiner Nächsten gepflanzt hast, wirst du nicht mehr sehen. Sie brauchen deine Liebe und deine Hilfe, auch wenn diese noch so klein ist. Beantworte mir eine Frage: Was ist dir lieber, 1000 Dukaten oder die ewige Liebe zu all dem, was dich umgibt, auch wenn du arm bist?“

Der Bauer antwortete ohne zu zögern: „ Geld kann man verlieren, aber die Liebe kann alles richten. Sie bedeutet Hoffnung und Vertrauen.“

Sodann sprach die Fee: „ Dann vertraue auch mir und stürze dich auf den Grund der Friedrichsgrube. Du wirst dort die Belohnung finden, die du verdient hast.“ Sprach es und verschwand.

Was soll es, dachte der Bauer, schlechter kann es für mich nicht werden – vielleicht besser. Er stürzte sich ins Wasser und sank sofort unter. Seltsamerweise war er frei von Angst und Atemnot. Es wurde immer heller zum Grunde hin. Plötzlich sah er viele Säckchen, aus denen die Golddukaten nur so leuchteten. Er nahm sich eins und das Wasser trug ihn sofort nach oben. Am Ufer des Gewässers angekommen, fasste er in das Säckchen und siehe da, es war kein Traum. Er eilte schnurstracks nach Hause. Seine Familie war weinend dabei, die letzten Habseligkeiten zu packen. Als sie den Vater sahen, war ihre Freude riesengroß und als er erzählte, was sich zutrug, blieben ihre Münder vor staunen offen.

Der Holländer erschien am nächsten Morgen höchstpersönlich, um seinen neuen Besitz  zu übernehmen. Er glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als ihm die Schulden in Golddukaten ausbezahlt wurden. Zähneknirschend zog er ab, weil es ihm vor allem um das Land ging. Der Bauer achtete darauf, dass er dieses Wunder nur denen erzählte, die ebenfalls ihr Hab und Gut durch den Holländer verlieren sollten. Die Fee half auch ihnen. Jeder nahm sich nur ein Säckchen, welches ausreichte, um die Schulden zu bezahlen und den Kindern eine gute Ausbildung zu sichern.

Dem Holländer blieb jedoch auf die Dauer der plötzliche Reichtum seiner Schuldner nicht verborgen. Er ließ keine Ruhe, bis er herausbekam, wohin der Weg der armen Leute führte. So machte er sich in seiner Gier ebenfalls auf zur Friedrichsgrube. Dort angekommen, sah auch er plötzlich die lichtblaue Gestalt und er dachte bei sich – ah, jetzt bin ich dran.

Die Fee kannte ihn natürlich und fragte: „ Holländer, was hat dich zu mir geführt?“

„ Du hast dem Pack durch deine Gaben geholfen und mir meine Pläne verdorben. Stelle deine Frage und lass auch mich an dem Reichtum teilhaben.“

„Wohlan Holländer: Was ist dir lieber, 1000 Dukaten oder die ewige Liebe zu all dem, was dich umgibt, auch wenn du arm wärest?“

„ Das ist leicht, sprach der Holländer. Arm sind nur die Dummen, es kommt darauf an, zu verstehen, wie man Geld macht. Also, die 1000 Dukaten sind mir lieber. Mit Geld kann man sich alles kaufen, auch die Liebe.“

Sodann sprach die Fee: „Du weißt, was in der Friedrichsgrube liegt. Stürze dich auf ihren Grund und du wirst deine Belohnung finden.“ Sprach es und verschwand.

Der Holländer fackelte nicht lange. Er sah sich auch gut gerüstet. Er hatte Stricke eingepackt, um die Beutel zusammenzubinden und damit alle auf einmal zu bergen. Er sprang  ins Wasser und sank sofort tief nach unten wo er alsbald das glitzernde Gold sah. Er band Beutel für Beutel zusammen, schlang das Seil um sich herum und wollte an die Oberfläche. Natürlich war alles zu schwer und plötzlich füllten sich auch seine Lungen mit Wasser. Er war gefangen und ertrank auf jämmerliche Weise.

Seitdem heißt die Friedrichsgrube im Volksmund Totensee. Das Leben in der Heide nahm zum Glück der Leute wieder seinen natürlichen Lauf.

Werner Wilhelm Bauske

Schlangenseelegende

Unweit vom Friedrichsee, inmitten der Dübener Heide bei Gniest gibt es einen seltsamen Fleck Erde. Er ist zerwühlt von Wildschweinen, man sieht graue, abgescheuerte Bäume und schwarzen Boden. In dieser Urlandschaft windet sich eine Wasserlache, der Schlangensee.

Auch seine Geschichte reicht wie die vom Friedrichsee und Totensee in die Jahrhunderte zurück, in denen die Menschen in ihrer Not hofften, etwas in der Heide zu finden, das ihr armutsvolles Leben erleichtern sollte.
So stand die Gegend bei Gniest schon Jahrhunderte in einem unheimlichen Ruf. Auf der einen Seite hielt sich das Gerücht, dass man hier sei Glück machen könnte, auf der anderen Seite waren dort immer wieder Menschen einfach verschwunden.

Nun begab es sich, dass ein armer Soldat in dieser Gegend umherirrte. Er war gerade aus der nahen Garnison in Schmiedeberg nach  Jahren treuen Dienstes für seine Heimat entlassen. Das erhaltene Handgeld war für den Mann im besten Alter gering und reichte kaum, sich ein paar Wochen zu ernähren.
Er hatte also nichts als seinen Mut und die Hoffnung auf ein gnädiges Schicksal.
Der Abend brach herein und er dachte bei sich, dass es besser wäre, sich ein Feuer zu machen, daran zu nächtigen und das Tageslicht abzuwarten. Er fand auch eine Stelle am Ufer eines kleinen Waldsees. Etwas unheimlich war ihm schon in dieser wilden Gegend. Das flackernde Feuer warf nach Einbruch der Dunkelheit seine bizarren Schatten um sich und es war ihm, als lebte er inmitten von allerlei Gewürm, Ungetier und gespenstischen Fabelwesen.

Plötzlich näherte sich aus den Tiefen des Waldes eine anmutige lichtblaue Gestalt. Der Soldat, zuerst erschrocken, jedoch sonst ein tapferer Mann, sprach die Gestalt an und fragte, ob sie sich an seinem Feuer wärmen wolle.

Die Fee dankte und sprach: „Ich bin gekommen, dich zu warnen. Du warst immer ein rechtschaffender Mann, doch hier wird sich noch diese Nacht dein Schicksal erfüllen. Ich weiß, daß es dir nicht an Mut fehlt, doch du brauchst auch Weisheit, um den morgigen Tag zu erleben. Darum sage ich dir, wenn du vor einer Entscheidung stehst, denke an das Ganze, dessen Bestandteil du bist, achte den Ursprung und prüfe den Nutzen für alles, was dich umgibt. Wenn du dieses beherzigst, wirst du nicht das grausame Ende all dieser verschwundenen Menschen teilen, sondern ein erfülltes und glückliches Leben führen.“ Sagt es und war verschwunden.

Der Soldat schickte sich gerade an, über die Worte nachzudenken, als er ein gefährliches zischen hörte, dass immer vielstimmiger wurde. Er traute seinen Augen nicht. Von der Waldseite seines Lagerplatzes krochen langsam glutäugige Schlangen heran. Es wurden immer mehr und mehr und es war ihm unmöglich, zu entrinnen, selbst wenn er es wollte. Plötzlich verharrten sie und das zischen verstummte. Er hörte wieder die Melodie der Bäume, die durch den Wind bewegt wurden.  Das Rauschen verstärkte sich und er nahm war, daß von der Wasserseite etwas nahte. Aus anfänglichen Umrissen formte sich näher kommend eine riesige Kreuzotter mit blauen Augen und einer goldenen Krone auf dem Kopf.

Die Schlange zischelte: „Mensch, du bist in unser Reich eingedrungen und hast mit deinem Feuer die heilige  Ruhe der Natur gestört. Dafür werde ich dich bestrafen, es sei denn, du beantwortest mir drei Fragen. Weißt du die richtige Antwort nicht, wirst du meinen Untertanen als Nahrung dienen und wie die Anderen hier als Schlange wiedergeboren. Du hast dann Gelegenheit, die Ursprünge deines Seins solange zu erleben, bis jemand kommt, der klüger und weiser ist als du und uns damit alle erlöst.
Die erste Frage lautet: Wie weit ist das größte Wunder von dir entfernt?,
die zweite Frage, Wie heißt der beste Arzt dieser Welt?
und die 3. Frage, Welche Saat hat die Erde am nötigsten?“

Die Schlangenkönigin blickte den Soldaten erwartungsvoll an. Dieser zögerte eine Weile, ihn schauderte bei dem Gedanken, was passieren würde, wenn er nur eine der Fragen nicht beantworten könnte. Dann nahm er sich zusammen, besann sich auf die Worte der Fee und das, was ihm das Leben gelehrt hatte, bevor er anfing, furchtlos zu antworten.

„Das größte Wunder hat keine Entfernung von mir, ich bin es selbst, denn in mir ist alles, was diese Welt hervorgebracht hat. Ich bin all denen dankbar, die je daran mitgewirkt haben und sehe mich in der Pflicht, soviel wie möglich davon zurück zu geben.“

Der Soldat glaubte im Blick der Königin einen Hoffnungsfunken zu sehen, dann antwortete er auf die zweite Frage: „ Der beste Arzt dieser Welt kann nur Natur heißen, denn alles, was wir zum Leben brauchen, kommt aus ihr und es ist gegen alles ein Kraut gewachsen.“

Nach dieser Antwort hub ein vielstimmiges Zischen an, das sofort verstummte, als der Soldat die dritte Frage beantwortete: „Die Saat, welche die Erde am nötigsten hat, ist die Liebe. Das habe ich auch als Soldat im Feld erkennen müssen. Dabei geht es nicht nur um die Liebe unter den Menschen, sondern  die Liebe zu allen Dingen, die uns umgeben, die uns zu dem gemacht haben, was wir sind, die Liebe zur Schöpfung.“

Das letzte Wort war kaum verhallt, da befand sich der Soldat inmitten einer aufgeregten Menschenmenge und vor ihm stand ein wunderschöne junge Frau mit strahlenden blauen Augen. Es war ihm, als schlug ein Blitz in sein Herz.
Sie umarmte ihn und sagte: „Du hast uns alle erlöst durch deine bemerkenswerte Weisheit. Du bist dazu geboren, die Natur zu studieren und mit ihrer Hilfe die Menschen zu heilen. Ich würde dabei gern an deiner Seite leben.“
So war es, er wurde ein berühmter Arzt, der mit seiner Königin ein langes, glückliches Leben im Dienste der Menschen führte. Er vergaß nie, was er für einen Schatz in der Dübener Heide an einem kleinen See bei Gniest gefunden hatte.


Werner Wilhelm Bauske